Big Brother im Rollladenkasten

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Das Haus der Zukunft erinnert auffallend an 1984. Denn die sogenannten «Smart Homes» machen das Leben nicht nur komfortabler und das Wohnen umweltschonender. Sie sammeln auch private Daten über uns und unser Verhalten.

Früher waren Häuser noch nicht intelligent. Das heisst, sie erfüllten ihren Bewohnern keine Wünsche. Sämtliche Aktionen mussten von diesen selbst vorgenommen werden. Wollte man etwa heizen, dann musste man den Ofen mit Holz, Kohle oder Öl füllen und dann auch noch von Hand anzünden. Das ist für die meisten Menschen inzwischen graue Vergangenheit. Die Entfachung eines Feuers wurde durch einen Knopfdruck auf der Fernbedienung ersetzt. Dank des technischen Fortschritts begannen Häuser, ihren Bewohnern auf Befehl gewisse Wünsche zu erfüllen, ohne allerdings wirklich mitzudenken.

Doch der Fortschritt geht weiter. Häuser werden intelligent und wissen zunehmend selbst, was ihnen und ihren Bewohnern gut tut. Ein Smart Home lernt schnell, welche Temperatur zu welcher Tageszeit optimal ist, und sorgt dann dafür, dass genau im richtigen Ausmass geheizt wird. Von all diesen Optimierungsvorgängen merke ich als Bewohner aber kaum etwas. Ein intelligentes Haus ist also zunächst einmal bequem, denn ich muss keinen Gedanken mehr an Heizung, Lüftung oder Schlüssel verschwenden. Auf der anderen Seite wird das Haus aber zunehmend zu einer Black Box, denn ich weiss immer weniger, was sich hinter «den Fassaden» meines Smart Homes abspielt. Doch das kümmert die meisten Menschen im Moment noch wenig. Stattdessen wird Euphorie verbreitet. Das Smart Home bietet nämlich Aussicht auf einen ganz neuen Wachstumsmarkt für die IT-Branche und eröffnet auch ökologisch neue Potenziale.

Doch was steckt technisch hinter dieser ganzen Entwicklung? Letztlich geht es um eine Emanzipation des Internets von den menschlichen Benutzern. Es entsteht eine neue Form der Vernetzung, bei der Geräte und Anwendungen selbständig und ohne Zutun der Menschen untereinander kommunizieren. So kontaktiert mein Smartphone selbständig mein Smart Home, um ihm mitzuteilen, dass ich auf dem Weg nach Hause bin, damit die Heizung wieder hochgefahren wird. Oder mein Smart Refrigerator bestellt eigenständig Joghurts beim Online-Shop der Migros, weil er dort gerade ein Sonderangebot der von mir heiss geliebten «De Luxe Joghurts» entdeckt hat.

Das klingt alles wunderbar. Doch bald wird man feststellen, dass Smart Homes das Leben nicht nur bequemer machen, sondern uns auch beobachten und kontrollieren. Im Smart Home stecken Möglichkeiten der Überwachung, Manipulation und Kontrolle, von denen Goerge Orwell noch nicht einmal zu träumen wagte, als er sein berühmtes Buch «1984» schrieb. Doch anders als bei Orwell wird diese Überwachung nicht von oben befohlen, sondern wir werden sie uns selbst bescheren.

Durch immer intensivere Übermittlung von Daten zwischen allen smarten Komponenten meines Heims, werde ich zunehmend zum gläsernen Bewohner. Das Smart Home kennt bald einmal meine Essensgewohnheiten, mein Einkaufsverhalten, meine sozialen Kontakte und meine Schlafroutinen. «Macht ja nichts», wird man jetzt vielleicht einwenden, «solange nur mein Haus über mich Bescheid weiss, lebe ich doch in Sicherheit. »

Doch das ist eine Illusion. Das vernetzte Haus ist ein potenzielles Einfallstor für Datensammler, Hacker, Polizei, Diebe oder missliebige Nachbarn, die gerne mehr über unser Verhalten wissen möchten. Signale, die man drahtlos versendet, bleiben trotz Passwörtern und Verschlüsselung nie wirklich anonym. Alles, was man über einen Menschen aufgrund seiner Daten wissen kann, wird ohne grössere Hindernisse einsehbar, und entsprechende Programme werden diese Daten für alle möglichen Zwecke auswerten.

Das Smart Home sorgt somit für ganz neue Konfliktfelder. Plötzlich geraten Ziele wie Nachhaltigkeit und Schutz der Privatsphäre in einen Gegensatz. Die Vernetzung der Geräte und die damit verbundene Emanzipation des Hauses von seinen Bewohnern erlaubt zwar eine aus ökologischen Gesichtspunkten optimalere Energieversorgung des Hauses. Doch der Bewohner wird auch zum Sklaven dieser Optimierung und büsst Autonomie und Privatsphäre ein. Wir führen dann ein Leben, welches von «wohlmeinenden Algorithmen» gesteuert wird, die uns «helfen», nachhaltig zu leben. Doch diese Algorithmen werden wiederum von Interessen gesteuert, die nicht zwingend «wohlmeinend» sind. Da gibt es einmal das Interesse des Staates, das Verhalten seiner Bürger besser von oben herab lenken und kontrollieren zu können. Und dann sind da vor allem Interessen der Anbieter von «umweltfreundlichen Konzepten», die ihre Angebote möglichst flächendeckend in jedem Smart Home installieren möchten. Wahrscheinlich werden bald die üblichen Verdächtigen wie Google oder Facebook auf den Zug aufspringen und die Angebote in ihre eigenen Systeme integrieren. Wer wirklich smart ist, wird dann schleunigst wieder in ein traditionell «dummes Haus» umziehen, sofern es ein solches überhaupt noch gibt.

 

Text: Mathias Binswanger, eco2friendly-Magazin Ausgabe 15

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