«Es sollten alle am selben Strick ziehen»

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Beat Keller, Electrosuisse, gibt im Interview Auskunft, wie man den Anschluss für Elektroautos richtig plant, über die notwendige Infrastruktur und die Power, die es für die Ladung braucht.

Herr Keller, was reizt Sie am Thema Elektromobilität?
Das Spannende ist für mich, dass man mit viel weniger Energie und viel höherem Wirkungsgrad mobil sein kann. Ich bin wirklich erstaunt, wie viele Marken es heute bereits gibt, die Elektro- oder Hybridfahrzeuge anbieten.

Angenommen, ich plane den Kauf eines Elektrofahrzeugs: Worum sollte ich mich zuerst kümmern – den Ladeanschluss oder das Fahrzeug?
Die Steckdose soll nicht das Massgebende sein. Aber stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Altstadtwohnung mit uralter Elektrik und kaufen sich ein Fahrzeug, das doch relativ viel Strom braucht. Da sind Sie unter Umständen gar nicht in der Lage, es an Ihren Hausanschluss anzuschliessen. Man muss vor dem Kauf auf alle Fälle mit einer Fachperson sprechen und abklären, ob es überhaupt möglich ist, einen Ladepunkt zu machen und eine Steckdose oder Wallbox zu installieren.

Es geht also nicht mit einer normalen Steckdose, die man von der Hausinstallation her kennt?
Wenn ich eine normale Haushaltsteckdose (z.B. T13) habe, kann ich im Notfall mal ein Fahrzeug laden – zum Beispiel, wenn ich zu Besuch bin. Wenn ich dies aber täglich tue, ist die Steckdose irgendwann ausgebrannt, denn der Kunststoff überhitzt und verflüssigt sich. Ich empfehle zumindest eine CE-Eurosteckdose mit einer Stromstärke von 16 Ampere. Damit erreiche ich eine flexible Lösung für verschiedene Home-Ladevorrichtungen.

Was raten Sie jemandem, der ein Haus baut oder am Umbauen ist, aber noch kein Elektrofahrzeug besitzt: Soll er jetzt schon für ein allfälliges, künftiges Elektroauto planen?
Ich würde ein Verteilsystem empfehlen, das man später einfach erweitern kann. Beim Bemessen der Verteilung sollte man daran denken, dass diese Last noch dazukommen könnte. Leerrohre würde ich auf jeden Fall verlegen, zum Beispiel bei einer Aussenanlage oder Garage, das kostet praktisch nichts. Später installieren ist immer teurer.

Der Elektriker installiert nach der Niederspannungs-Installations- Norm NIN. Ist das Thema Elektromobilität dort auch schon berücksichtigt?
Ja, in der NIN 2015 befasst sich ein Kapitel extra mit Elektrofahrzeugen. Ich bin gespannt, was die Zukunft an Erfahrungen bringt. Es kann gut sein, dass weitere Punkte integriert werden. Ich habe beispielsweise vor Kurzem Testergebnisse gesehen, die zeigten, wie heiss die Steckdosen bei einem Ladevorgang werden – dies ist sicher nicht zu unterschätzen! Die Hausinstallationen wurden bis anhin nie über längere Zeit so stark belastet wie jetzt mit der Elektromobilität. Hier werden wir genau hinschauen und noch einige Erkenntnisse gewinnen müssen, von denen schliesslich auch die Elektriker profitieren.

Werden die Tankstellen, wie wir sie heute kennen, langfristig verschwinden?
Ich denke nicht, dass der Verbrennungsmotor komplett verschwindet. Aber es ist ein interessanter Ansatz: Was passiert, wenn die Nachfrage nach Benzin und Diesel plötzlich kleiner wird? Was passiert mit den Tankstellen? Werden sie plötzlich zur Seltenheit – so selten wie heute Elektrotankstellen noch sind? Vielleicht muss man sich in ein paar Jahrzehnten überlegen: Habe ich noch genug Benzin bis zur nächsten Tankstelle?

Gibt es Schulungen oder Workshops, in denen sich Elektriker in Sachen Elektromobilität jetzt schon schlau machen können?
Ja, wir bieten dieses Jahr auch wieder mindestens zwei öffentliche Kurse an, hier in Fehraltorf. Man kann praktische Erfahrungen sammeln, zum Beispiel: Was für Ströme fliessen? Was geht bei einem Ladevorgang vor sich? Worauf ist bei der Installation einer Ladeeinrichtung zu achten? Welche Normen sind einzuhalten? Wenn eine Firma Interesse hat, ihre Mitarbeitenden zu schulen, gehen wir selbstverständlich vorbei und führen die Schulung vor Ort durch. Anmelden kann man sich bei Electrosuisse oder Otto Fischer.

Was sagen Sie zur These, die Elektromobilität stehe in engem Zusammenhang mit der Solarenergie?
Der Zusammenhang besteht insofern, als ich meinen selbst produzierten Strom aus der eigenen Solaranlage im Auto speichern könnte. Die Frage ist: Steht mein Auto zu Hause, wenn die Sonne scheint? Aber rein von der Umwandlung her wäre es technisch möglich, das Fahrzeug zu laden. Trotzdem ist die Entwicklung noch nicht so weit – es gibt jedoch interessante Ansätze, die in diese Richtung gehen.

Sind Sie der Meinung, dass es in der Schweiz genügend Ladestationen gibt?
Gewisse Studien sagen, dass es in der Schweiz bis 2020 um die 600 000 bis 700 000 elektrisch betriebene Fahrzeuge gibt. Glaubt man an diese Zunahme, muss die Anzahl Lademöglichkeiten entsprechend wachsen. Auch wenn viele zu Hause aufladen, ist man froh, wenn diese Möglichkeit auch unterwegs besteht, zum Beispiel während einer Kaffeepause auf einer Raststätte oder beim Einkaufszentrum.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung der nächsten Jahre in der Elektromobilität?
Neben der Reichweite und dem Preissegment der Fahrzeuge sehe ich eine Herausforderung bei den Verteilnetzen in den Quartieren. Wenn Elektromobile flächendeckend überhandnehmen, muss in den Wohnquartieren genug Power vorhanden sein, um die Autos aufzuladen. Ich denke, dort sind auch die Verteilnetzbetreiber gefordert. Sie müssen die Entwicklung genau beobachten und die Leistung zur Verfügung stellen, die die angehängten Elektromobile erfordern.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?
Ich wünschte mir, dass in Sachen Elektromobilität alle Involvierten ihre Kräfte bündeln und am selben Strick ziehen. Damit meine ich Fahrzeughersteller, Hersteller der Ladeinfrastruktur und Interessenverbände. Schliesslich ist das Ziel, dass der Nutzer von seiner Entscheidung überzeugt ist, sich ein Elektromobil angeschafft zu haben. Und das tut er nur, wenn er keine Nachteile wahrnimmt, mit weniger Schadstoffausstoss unterwegs ist und das Handling des Fahrzeugs als einfach erlebt.

 

Interview: Pascal Grolimund, Text: Judith Brandsberg, eco2friendly-Magazin Ausgabe 14

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